Königspfalz Tilleda

 

Die Königspfalz Tilleda (Pfalz = lat. Palatium, im mittelalterlichen Fränkischen und Deutschen Reich auf Königsgut errichteter Gebäudekomplex, der dem reisenden Herrscher zum Aufenthalt diente) befindet sich unterhalb des Kyffhäusers auf dem Pfingstberg (196 m über NN) bei Tilleda.

Im Bereich der gesamten Pfalz konnte durch Funde bereits eine jungbronzezeitliche Höhensiedlung der Unstrutgruppe nachgewiesen werden. Durch Funde aus der spätrömischen Kaiserzeit liegt die Annahme nahe, dass sich hier etwa im 8. Jh. eine fränkische Befestigungsanlage befand, was durch die nahe gelegene sächsisch-fränkische Grenzanlage, der Landwehr “Sachsengraben” erhärtet wird. Diese Befestigungsanlage wurde wahrscheinlich auf Anregung Heinrich I. im 10. Jh. zur Pfalz ausgebaut.
Erstmals erwähnt wird die Pfalz Tilleda 972 in der in Rom ausgestellten prunkvollen Heiratsurkunde Otto II. (Trauung am 14. April 972 durch Papst Johannes XIII. in der Peterskirche Rom) , der damit seiner byzantinischen Braut Theophanu - als eine Art Versorgungssicherung für einen eventuellen Witwenstand - die “imperatorias curtes (kaiserlichen Höfe) Bochbarda (Boppard am Rhein), Thiela (Thiel in Holland), Heriuurde (Herford in Westfalen), Dullede (Tilleda), Nordhuse (Nordhausen)” als Mitgift hinterlässt. Zwei Jahre später stellte Otto II. eine Urkunde zu Tilleda aus. In der Folgezeit tritt die Pfalz bis zum Jahre 1194 immer wieder, wenn auch mit Unterbrechungen, als Ausstellungsort königlicher Urkunden in Erscheinung. Dabei verweilten die Herrscher auf der Durchreise (hauptsächlich der Ost-West-Route von Merseburg zu den Königspfalzen im Westharz) nur kurz in Tilleda. Der längste Aufenthalt eines Herrschers in Tilleda war der von Konrad II. über zwei Wochen im Oktober 1036. Auf der Pfalz wurden auch Urkunden von Otto III., Konrad II. und Heinrich III. ausgestellt, bis im Jahre 1042 das letzte Mal auf der Pfalz geurkundet wurde. Anschließend verschwand sie für 130 Jahre aus der Geschichtsschreibung. Bei Ausgrabungen festgestellte Brandhorizonte deuten auf eine Zerstörung der Pfalz im Zusammenhang mit den Sachsenaufständen (1073, 1076, 1115 - 1118) hin. Für 1147 ist ein Aufenthalt Friedrich I. Barbarossa auf der Pfalz belegt. Etwa zu dieser Zeit übernahm die neue Burg Kyffhausen den bisher von der Pfalz gewährleisteten Schutz der Gegend. Von 1147 bis 1239 wurde die Pfalz Tilleda durch die Reichsministerialen von Kyffhausen betreut. Vielleicht mit dem in der Gegend ausgetragenen Konflikt zwischen Staufern und Welfen 1180 wurde die Hauptburg der Pfalz  letztmalig verteidigungstechnisch modernisiert. Das letzte Mal tritt die Pfalz 1194 in Erscheinung. In diesem Jahr versöhnte sich am 7. März Heinrich IV. (Sohn Barbarossas) mit Heinrich dem Löwen auf der Pfalz in Tilleda. Der Streit zwischen den Staufern und Welfen wird beendet.
 

Reste des Fangtores
Reste des Fangtores
(vor der Restaurierung 2007)
Wachhäuser
Wachhäuser


Schon in der zweiten Hälfte des 12. Jh. setzte eine Abwanderung der Pfalzbewohner in den neu entstehenden Ort (das heutige Tilleda) ein, so dass bereits im 13. Jahrhundert kaum noch eines der Häuser in der Pfalz bewohnt wurde. Etwa Mitte des 13. Jh. ging das Zeitalter der Pfalzen zu Ende, was zum baldigen Verfall und Abbruch der Anlage führte. Danach wurde das Gelände der Pfalz Tilleda bis in das 20. Jh. landwirtschaftlich genutzt. Erst 1871 machte der Heimatforscher Karl Meyer wieder auf die Wüstung auf dem Pfingstberg aufmerksam.

Ab 1935 liefen Ausgrabungen auf dem Pfalzgelände. In den 80er Jahren begann man, die Ausgrabungsstätte der ehemaligen Pfalz auszubauen und Wohn- und Wachhäuser und andere mittelalterliche Objekte wieder zu errichten, um so einen Einblick in das mittelalterliche Leben in einer Pfalz zu gewähren.

Das Areal der Pfalz (Grundriss) ist mit einer Ost-West-Ausdehnung von 290 m und einer Nord-Süd-Ausdehnung von 165 m etwa 6 Hektar groß. Die Anlage unterteilt sich in Hauptburg (9 % Flächenanteil), Verteidigungsbereich mit Gräben und Wällen (21 % Anteil) und Vorburg mit unterer Vorburg (70 %). Günstige Verteidigungsmöglichkeiten boten Steilhänge an Nord- und Ostseite sowie eine südliche Hanglage. Im Westen bildete eine ca. 5 m hohe und 2,5 m starke Wehrmauer den Abschluss. 

In der Nordwestecke der Wehrmauer befand sich ein so genanntes Fangtor als Hauptzugang zur Pfalz. Die 30 m langen, zum Anlageninneren führenden Mauerschenkel der Toranlage hatten am Toranfang eine Öffnungsweite von 4,7 m, die sich bis zum stabilen Holztor mit darüber liegendem hölzernen Turm auf 2,4 m einengte. Beidseitig dieses - durch seine Hanglage steil ansteigenden - Zugangs waren Wachen auf der Wehrmauer postiert, die eine Erstürmung der Anlage sicher aussichtslos erscheinen ließen. Hinter der Wehrmauer befanden sich die Wachhäuser, die in Holz-Lehmbauweise auf einem Steinsockel errichtet waren und als Waffenlager oder Unterbringung der Verteidigungsmannschaften dienten. Im Südwestabschnitt der Wehrmauer befand sich eine durch ein Wachhaus gesicherte kleine Pforte, durch die klares Kyffhäuserquellwasser aus der nahe gelegenen Wollweda herbei geschafft wurde, da es auf der Pfalz - wie auf vielen mittelalterlichen Burgen - keinen eigenen Brunnen gab.

In der Vorburg befanden sich die Wohn- und Arbeitsgebäude der hörigen Handwerker, Wachleute, anderer Arbeiter und ihrer Familien. Diese Gebäude waren zum großen Teil als Grubenhäuser ausgeführt, die durch ihre Bauart eine gute Isolierung gegen Kälte und Wärme gewährleisteten. Weiterhin gab es zwei große Tuchmachereien, in denen auch über den Bedarf der Pfalz Gewebe hergestellt wurde und die so zur Funktion der Pfalz als Tafelgut beitrugen. Außerdem wurde eine Töpferei betrieben, Gegenstände aus Elfenbein produziert, Eisen verhüttet und zu Waffen, Werkzeug, Hausgeräten u. a. weiter verarbeitet. So war die Pfalz einschließlich ihres landwirtschaftlichen Betriebes stets in der Lage, sich (auch bei Anwesenheit eines Herrschers mit Gefolge) selbst zu versorgen.
 

Grubenhaus
Grubenhaus
Teilansicht der Vorburg (während eines Kaiserlagers)
Teilansicht der Vorburg
(während eines Kaiserlagers)


Die Hauptburg, etwa 70 x 110 m groß, war durch zusätzliche Verteidigungsanlagen von der Vorburg abgeschottet. Diese Verteidigungsanlagen bestanden aus einem mehrteiligen Graben-Wall-System mit integrierten Palisadenhindernissen. Einziger Zugang von der Vorburg zur Hauptburg war ein durch eine einziehbare Brücke und bewachte Tore geschützter Weg.

In der Hauptburg befand sich rechts neben dem Kammertor eine große Saalkirche. Zum Wall hin war ein Wohnturm mit ca. 7 x 7 m Grundfläche in die westliche Giebelwand eingebaut, der zum Teil schon in den Hauptwall hinein ragte. Östlich der Kirche schloss sich der Palas an. Dieser verfügte bereits über eine Art Fußbodenheizung, bei der die Ofenhitze der in der südlichen Außenwand befindlichen Öfen in Kanälen unter dem Estrichfußboden in verschiedene Räume des Palas geleitet wurde. Gegenüber der Kirche befand sich auf der Nordseite die etwa 27 m lange Festhalle, die aber noch in der Pfalzzeit durch ihre Hanglage teilweise abgestürzt war. Die westlich davor liegende große Säulenhalle (Holzbau) wurde möglicherweise als Ausweichmöglichkeit errichtet.

Die Pfalz Tilleda hat als eine der wenigen später nicht überbauten Anlagen die wirtschaftliche und bauliche Struktur einer Königspfalz bewahrt. Sie ist als einzige Pfalz in Deutschland vollständig ergraben und archäologisch untersucht.

Tuchmacherei und Wachhäuser
Tuchmacherei und Wachhäuser
In der Tuchmacherei
In der Tuchmacherei

Öffnungszeiten und Eintrittspreise auf www.pfalz-tilleda.de (externer Link).

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